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 (Die hebräischen Textteile werden nicht unbedingt korrekt wiedergegeben)

Ökumenische Probleme beim Verständnis der Heiligen Schrift, dargestellt am Psalm 73 (72)

 

1.      Anlaß dieser Untersuchung war ein Zitat aus der Autobiographie Ratzingers[1] „Aus meinem Leben“ auf Seite 180. Dort erwähnt er eine Psalmenmeditation des Augustinus zu den Versen 22 und 23 des Psalms 73 (72): „Ut iumentum factus sum apud te et ego semper tecum.“ Dazu Ratzinger: „Augustinus hat das Wort vom Vieh etwas anders aufgefaßt. Das lateinische Wort jumentum bezeichnete vor allem die Zugtiere, die für die Arbeit in der Landwirtschaft eingesetzt wurden, und darin sieht er nun ein Bild seiner selbst unter der Last seines bischöflichen Dienstes: Ein Zugtier bin ich vor dir, für dich, und gerade so bin ich bei dir.“

2.      Eine Überprüfung der Psalmstelle anhand einer Ausgabe der Einheitsübersetzung ergab eine weitere Besonderheit. Hier fanden sich die Verse 21 und 22 zwischen den Versen 14 und 15 eingefügt.

3.      In der Biblia Hebraica von Rud. Kittel steht Psalm 73 in der ungeänderten Versfolge.

4.      Dieser Befund macht neugierig. Was steht im hebräischen Text für das lateinische iumentum? Das Ergebnis ist eindeutig.
בהמוט (behemot) bedeutet für Psalm 73, Vers 22 laut Lexikon[2] „das vernunft- und sprachlose Tier, im Gegensatz zum Menschen“. Die Deutung des Augustinus entspricht also nicht dem Urtext.

5.      Die lateinische Übersetzung von
בהמוט (behemot) mit iumentum folgt der griechischen Septuaginta mit κτηνώδης (ktenodes). Beide bezeichnen ein Haustier.

6.      Die Gedankenführung des Psalmisten Asaph erscheint in der überlieferten Versfolge durchaus sinnvoll.

    1. In V. 1 wird die Güte Gottes gegenüber Israel und denen, die reinen Herzens sind, hervorgehoben.
    2. Mit V. 2 leitet Asaph über zu eigenem Fehlverhalten. Er war nämlich eifersüchtig auf den Wohlstand der Frevler geworden (V. 3).
    3. Im folgenden Psalmtext wird das Fehlverhalten der Frevler dargestellt (V. 7-9).
    4. Die nächsten drei Verse (V. 10-12) beschreiben, wie sich Asaphs Volk ebenfalls den Frevlern zuwendet.
    5. Dann fragt sich Asaph zweifelnd, ob seine Mühen und Leiden nutzlos waren (V. 13-14). Dieser Versuchung widersteht er jedoch. Er will nicht so reden wie sein Volk. (V. 15).
    6. Statt dessen beginnt er nachzudenken und erkennt das schreckliche Ende der Frevler (V. 16-20).
    7. Jetzt sieht er ein, was er falsch gemacht hat. Er erkennt und bekennt die Ursachen. Schlechte Gedanken gärten[3] in seinem Herzen. Die Nieren als Sitz der Begierden brannten ihm (V. 21).
    8. In den folgenden beiden Versen bewertet der Dichter sein Fehlverhalten und beschreibt Gottes helfendes Handeln.V. 22: „Ich (war) dumm und nichts wußte ich; zum dummen Vieh wurde ich vor dir.“ V. 23: „Und ich (bin) immer vor dir; du (aber) ergriffst (mich) bei meiner rechten Hand.“
    9. Die folgenden Verse führen dieses helfende Handeln Gottes an Asaph und dessen Antwort weiter aus.
  1. Die gedankliche Struktur des Psalms erfordert also keine Änderung der Versfolge. Die Änderung in der Einheitsübersetzung hinterläßt sogar ein gedankliches Loch zwischen den Versen 20 und 23. In Vers 20 wird das wahre Schicksal der Frevler abschließend beschrieben. Der dann unmittelbar folgende V. 23 klingt in der Einheitsübersetzung unglaubwürdig: „Ich aber bleibe immer bei dir.“ Asaph hat schließlich vorher mehrfach eigenes Fehlverhalten bekannt. Nicht immer war er in seinem Denken „bei Gott“.

Mit „Und ich (bin) immer vor dir.“ setzt sich Asaph von seinem Volk ab, das nach V. 11 sagt: „Wie soll Gott das merken? Wie kann der Höchste das wissen?“

  1. Thalhofer[4] ändert an einer Stelle geringfügig die Verseinteilung. Vers 22 lautet bei ihm: „Ut jumentum factus sum apud te; Et ego semper tecum.“ (Geworden wie ein Vieh vor dir; Doch bin ich stets bei dir.) Diese gedankliche Verbindung wirkt gewaltsam. Das Bild von dem Stück Vieh, welches stets bei Gott sich befinden soll, befremdet arg und macht die vorgenommene Änderung der Verseinteilung unwahrscheinlich.
  2. Die Verknüpfung des hebräischen Textes in Vers 22 erscheint sinnvoll, wenn man ihn so versteht, daß Asaph im Unterschied zu seinem Volk darum weiß, daß Gott ihn immer sieht und eben deshalb Asaphs Hand ergreift, um ihn nach seinem Ratschluß zu leiten V. 24).
  3. Die Fehleranalyse zeigt deutlich, daß eine Psalm-Interpretation, welche sich auf eine lateinische Übersetzung stützt, nicht unbedingt zur eigentlichen Aussage des hebräischen Urtextes gelangt. Es ist zwar historisch nachvollziehbar, daß der römische Teil der katholischen Kirche Überlieferungen in lateinischer Sprache besonders schätzt. Genau dem ist denn auch der passionierte Cicero-Imitator Augustinus zum Opfer gefallen und hat sich zum kraftstrotzenden Zugtier Gottes befördert. Der Psalmtext wurde so völlig verfremdet. Nicht das Zugtier leiht Gott seine helfende Kraft, sondern Gott nimmt den Menschen bei der Hand und leitet ihn. Dieses Textverständnis dürfte auch Benedikt XVI. eher entsprechen und zusagen.
  4. Als wichtige Konsequenz ergibt sich für die ökumenischen Übersetzungsbemühungen der Heiligen Schrift, auf römisch-lateinische Dominanz zu verzichten. Da es sich bei den Heiligen Schriften des Christentums, sowohl des Alten als auch des Neuen Testamentes, um wesenhaft jüdische Textzeugnisse handelt, erscheint eine verstärkte jüdische Beteiligung an den ökumenischen Übersetzungsbemühungen unverzichtbar. Das wissenschaftliche Potential ist vorhanden. Eigentlich ist sogar ein schlichter ökumenischer Bibelkreis ohne jüdische Beteiligung beeinträchtigt.

Im Dezember 2005

Burghard Schmanck



[1] Josef Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben, Erinnerungen, München 1998

[2] David Cassel, hebr.-dt. Wörterbuch S. 38 בְּהֵמָה a)

[3] David Cassel, S. 102 חָמֵץ Hitp. fut.

[4] Valentin Thalhofer, Erklärung der Psalmen, 7. Auflage Regensburg 1904; Psalm 72, S. 415-423

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