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Oppenheimer Werkstatt für Wetterkunde Wilhelm Wien – der „Vater“ der Infrarotfotographie Wolfgang Thüne Er ist einer der ganz Großen
unter den deutschen Physikern und dennoch weitestgehend unbekannt. Er ist Träger
des Nobelpreises für Physik (1911) und wird in Deutschland selbst unter
Physikern nur wenig genannt. Doch dies nicht erst heute unter dem Diktat der
„Klima- und Treibhausphysik“. Als Max Planck zu seinem 60. Geburtstag von der jungen
Frankfurter Universität die Würde eines Ehrendoktors der Naturwissenschaften verliehen wurde, würdigte ihn der Max von
Laue, der 1914 den Nobelpreis für Physik erhalten hatte. In seiner Lobrede hieß
es: „Von der statischen Wärmelehre ausgehend, haben Sie, als Ludwig Boltzmanns
ebenbürtiger Nachfolger, in ihrer Strahlungstheorie ein vollkommenes Gebiet der
naturwissenschaftlichen Forschung erschlossen; … Die Krönung Ihres Werkes, das
Strahlungsgesetz, wird, solange es Physiker gibt, Ihren Namen unvergesslich
machen.“ Doch sein Gesetz ist
Bestandteil des Planckschen Strahlungsgesetzes und ist bekannt als das
„Wiensche Verschiebungsgesetz“. Offensichtlich war es unverstanden, weil es der
Zeit weit voraus war und eine praktische Anwendung nicht in Sicht war. Der
Mann, von dem hier die Rede ist, ist Wilhelm Wien. Wien ist ein Produkt des
klassischen preußischen Humboldt’schen Bildungsideals, eines Bildungssystems,
das in der genialen Kombination von Forschung und Lehre vorbildlich in der Welt
war. Doch wer war dieser Wilhelm
Wien? Wer ist diese fast vergessene Geistesgröße, der der Welt ein Gesetz
schenkte, das half Unsichtbares sichtbar zu machen? Mit seinem Gesetz erwarb
der Mensch die Fähigkeit, wie eine Klapperschlange ein Objekt über seine
unsichtbare Wärmestrahlung sichtbar zu machen. Wilhelm Carl Werner Otto Fritz
Franz Wien wurde am 13. Januar 1864 in dem Örtchen Gaffken bei Fischhausen in
Ostpreußen geboren. Sein Vater war der Rittergutsbesitzer Carl Wien. 1866 zog
die Familie nach Drachstein im Kreis Rastenburg. Nach dem Abitur in Königsberg
1882 studierte Wilhelm Wien Physik an den Universitäten Göttingen und Berlin.
Im Jahre 1886 erlangte er seinen Doktortitel und arbeite danach als Assistent
des berühmten Physikers Hermann von Helmholtz an der Physikalisch Technischen
Reichsanstalt. 1892 habilitierte er sich und entwickelte in den Jahren 1893/94
zuerst das „Wiensche Verschiebungsgesetz“ und dann 1896 das „Wiensche
Strahlungsgesetz“. 1911 erhielt Wilhelm Wien den Nobelpreis für Physik als
Anerkennung für seine großartigen Arbeiten zur Wärmestrahlung. Er war erst der
vierte Deutsche nach Wilhelm Conrad Röntgen (1901), Philipp Lenhard (1905) und
Ferdinand Braun (1909). Was ist das Außergewöhnliche
an der Leistung von Wilhelm Wien? Die für alle Menschen wohl vertraute und für
alles Leben unverzichtbare Wärmestrahlung ist ein volkstümlicher Begriff die
Infrarotstrahlung. Diese ist für unser menschliches Auge unsichtbar und wird
von jedem Körper einzig in Abhängigkeit von seiner Temperatur ausgesandt. Diese
Strahlung wird daher auch Temperaturstrahlung genannt, die wiederum wie alle
Strahlung, von der Röntgenstrahlung bis zu den Radiowellen, eine
elektromagnetische Strahlung ist. Diese hat je nach Wellenlänge oder Frequenz
völlig verschiedene Wirkungen, betrachtet man nur den engen Spektralbereich
zwischen der Ultraviolettstrahlung über das sichtbare Licht bis zur Ultrarot –
oder Infrarotstrahlung. Der Übergang von der sichtbaren Sonnenstrahlung zur
unsichtbaren Wärmestrahlung, die beim Sonnenbad als wohltuende Wärme empfunden
wird, liegt bei 0,78 Mikrometer. Die
unsichtbare Wärmestrahlung wurde von Friedrich Wilhelm Herrschel im Jahre 1800 entdeckt.
Es war die große Zeit der Experimentalphysik, die von Galileo Galilei begründet
und von Isaac Newton fortgesetzt wurde. Newton ließ das weiße Sonnenlicht durch
ein Prisma fallen und spaltete es in seine Regenbogenfarben auf. Herrschel
wiederholte diesen Versuch und legte mit begründeter Neugier unter jede
Spektralfarbe ein Thermometer. Jenseits des roten Lichts legte er auch ein
Thermometer und stellte erstaunt fest, dass dieses eine höhere Temperatur
zeigte als die anderen Thermometer. Die für unser Auge nicht sichtbare, aber für unsere Haut
wohltuend spürbare solare Wärmestrahlung, die Ultrarot- oder später
Infrarotstrahlung, war entdeckt. Langsam entwickelte sich in der
Physik ein neuer Zweig, die Wärmelehre. Die Wärme wurde als eine Form der
Energie erkannt, die man in andere oder aus anderen Energieformen verwandeln
kann. Clausius hatte hier mit dem so genannten „Zweiten Hauptsatz“ der
Wärmelehre oder Thermodynamik einen Schlussstein gesetzt, indem er nachwies,
dass nicht jede Energie in jede andere beliebig verwandelt werden könne.
Vielmehr gebe es „einlinige“ Prozesse, die nicht mehr rückgängig gemacht werden
können, als „irreversibel“ sind. Das Wetter ist solch ein unumkehrbarer
Prozess. So kann beispielsweise die Bewegung eines Rades durch Reibungsdruck
gebremst und die Bewegungsenergie dabei in Wärme verwandelt werden; dagegen ist
dieser Prozess nicht umkehrbar: es kann nicht etwa ein Rad durch Erwärmung der
Bremsen in Bewegung gesetzt werden. In den Bereich dieses Satzes gehört auch
die Tatsache, dass ein erhitzter Körper Wärme an die Umgebung abgibt, aber
nicht Wärme vom kälteren Körper aufnimmt. Kein Körper kann sich folglich in
einer kälteren Umgebung erwärmen. Während das sichtbare Licht
die Erde und alle Gegenstände auf ihr unendlich bunt erscheinen lässt, wird die
Erde hauptsächlich unsichtbar erwärmt. Die Sonne ist zwar die Strahlungs- und
Energiequelle, doch diese wird nach dem langen Weg durch Weltraum und
Atmosphäre von der Erdoberfläche absorbiert. Die Erde ist Empfänger solarer
Strahlungswärme und zugleich Emittent terrestrischer Wärmestrahlung. Beide
haben völlig verschiedene Temperaturen und damit Wellenlängen. Doch wie hängen
Temperatur und Wellenlänge zusammen? Dies in eine Formel gekleidet zu haben,
ist das große Verdienst von Wilhelm Wien. Das Wiensche Verschiebungsgesetz
beschreibt die Verschiebung des Wellenlängenmaximums mit der Temperatur. Wird
ein Körper erwärmt, steigt seine Temperatur, so verschiebt sich das
Wellenlängenmaximum in den kürzeren, sinkt sie, so wandert es in den längeren
Wellenlängen- oder Frequenzbereich. Erhitzt man ein Hufeisen, so wird ab einer
bestimmten Temperatur die unsichtbare Wärmestrahlung sichtbar, zuerst als
Grauglut, dann als Rot-, Gelb- und schließlich Weißglut. Etwa 50 Prozent der
Sonnenstrahlung zählen zu der nahen Infrarotstrahlung. Sie reicht bis zu
Wellenlängen von etwa 3 Mikrometer. Die Erde absorbiert diese Strahlung und
wird erwärmt. Die Erde selbst ist auch eine Strahlungsquelle, denn jeder Körper
oberhalb einer Temperatur von O Kelvin, dem absoluten Nullpunkt bei -273 Grad
Celsius, sendet Wärmestrahlung aus. Die Strahlung steigt proportional der 4.
Potenz der absoluten Temperatur eines Körpers und kann einfach mittels des im
deutschen Sprachgebrauch genannten Stefan-Boltzmann-Gesetzes abgeschätzt
werden. In den englischsprachigen Physikbüchern heißt dieses Gesetz „Stefan’s
Law“, denn Josef Stefan legte die experimentellen Grundlagen für die
theoretische Begründung durch Ludwig Boltzmann. Hätte die Erde eine einheitliche
Oberflächentemperatur von +15 Grad Celsius, Dann läge das Maximum der
abgestrahlten Energie bei einer Wellenlänge von 10 Mikrometer (µm). Hätte sie
eine Temperatur von -80° C, so läge das Maximum bei 15 µm. Dies ist auch der
Grund, warum das Kohlendioxid, das eben diese Strahlung absorbiert, nicht
verhindern kann, dass nach einem sonnigen Tag, an dem sich die Erde auf 30 und
mehr Grad erwärmen konnte, in klaren Nächten die Wärmestrahlung der Erde
ungehindert in den Weltraum entweichen und sich die Erde unter 10 Grad abkühlen
kann. Hatte Wilhelm Wien den
Wellenlängen eine Temperatur gegeben, so dauerte es noch Jahrzehnte, bis dieses
technisch umgesetzt und aus Temperaturaufnahmen mit Kameras Wärmebilder konstruiert werden konnten.
Solche Infrarotkameras werden daher auch Wärmebildkameras genannt. Sie sind ein
technisches Meisterwerk und wurden nach der Kuba-Krise 1962 um die Mitte der
sechziger Jahre entwickelt. Erst sie ermöglichten die militärisch wichtige und
inzwischen unverzichtbare nächtliche Luftaufklärung. Nun war es möglich, die
Nacht zum Tage zu machen, denn jeder Körper verrät sich durch die ihm eigene
und nur von seiner Temperatur abhängende Wärmestrahlung. Diese durchdringt
jedes perfekte Tarnnetz. Dank Wilhelm Wien war lange nach seinem frühen Tod im
Jahre 1928 die berührungslose Temperaturmessung möglich geworden, war die
Fernerkundung geboren. Von Hubschraubern, Flugzeugen und Satelliten war es
möglich, jeden Gegenstand über seine Infrarotstrahlung zu orten. Seit 1977 sind
alle europäischen Wettersatelliten mit Infrarotkameras ausgerüstet, kann der
Tagesgang der Erdoberflächentemperaturen fotografiert und nachvollzogen werden.
Dies ist aber nur deswegen möglich, weil in dem Wellenlängenbereich
zwischen etwa 8 und 13 µm die Atmosphäre durchsichtig oder transparent ist, ein
stets offenes „atmosphärisches Strahlungsfenster“ besitzt. Wilhelm Wien reiht sich würdig
ein in die Reihe der großen Experimentalphysiker des 18. und 19. Jahrhunderts.
Das Licht war ja seit Sir Isaac Newton zum Gegenstand der physikalischen
Forschung geworden. Jahrhunderte ist gestritten worden, ob das Licht Welle oder
Korpuskel ist, bis die Physik sich zu der Erkenntnis durchrang, dass Licht
sowohl Welle als auch Korpuskel ist und gemäß Max Planck aus Quanten oder nach
Albert Einstein aus Photonen besteht. Wenn die Polizei in finsterster Nacht per
Hubschrauber mit Hilfe von Wärmebildkameras auf Verbrecherjagd geht, Tornados
nächtliche Aufklärung betreiben oder Spionagesatelliten jede Bewegung und
Tätigkeit auf der Erdoberfläche überwachen, die Umsetzung einer
Strahlungsinformation in eine Temperatur, die Eichung der Wärmebilder liefert
das Wiensche Verschiebungsgesetz. Wilhelm Wien baute auf den
Erkenntnissen seines berühmten Landsmannes Gustav Robert Kirchhoff auf, der am
12. März 1824 in Königsberg geboren wurde. Kirchhoff ist nicht nur bekannt für
seine regeln der elektrischen Stromkreise. Kirchhoff hat auch zusammen mit
Robert Wilhelm Bunsen die Elemente Caesium und Rubidium entdeckt. Beide
erklärten sehr spät auch die schon 1814 entdeckten dunklen „Fraunhoferschen
Linien“. Nach zahllosen Experimenten hatten sie herausgefunden, dass es sich um
Absorptions- und ebenso Emissionslinien von Molekülen in der Sonnenatmosphäre
handelt. Kirchhoff und Bunsen begründeten die Spektralanalyse und legten damit
die Grundlagen für die moderne Astronomie und Astrophysik. Über die
Spektrallinien konnte man nun die stoffliche Zusammensetzung von
Sternatmosphären bestimmen. Der Königsberger Kirchhoff
konstruierte auch den „Schwarzen Körper“ als Eichkörper für das Wiensche
Verschiebungsgesetz, wonach Wellenlänge und Temperatur in direkte Beziehung
gesetzt werden können.. Von Kirchhoff stammt auch das „Kirchhoffsche
Strahlungsgesetz“. Es besagt, dass Materie gleich welcher Art eine
elektromagnetische Strahlung aussendet, die je nach Temperatur sichtbar oder
unsichtbar ist. Die Emission und Absorption erfolgt bei festen und flüssigen
Körpern wie der Erde kontinuierlich über ein breites Wellenlängenspektrum mit
einem genau bestimmbaren Maximum, bei Gasen dagegen aber nur diskontinuierlich,
selektiv, stoffspezifisch. Jeder gasförmige Stoff kann daher anhand seiner nur
ihm eigenen Spektrallinien identifiziert werden, wie Menschen anhand ihrer
unterschiedlichen Fingerabdrücke. Gustav Kirchhoff starb in Berlin am 17.
Oktober 1887. Er wäre des ersten Nobelpreises für Physik im Jahre 1901 würdig
gewesen. Das Konzept des „schwarzen
Körpers“ inspirierte nicht nur Wilhelm Wien, sondern auch die Physiker Josef Stefan
und Ludwig Boltzmann und insbesondere Max Planck, der nach Isaac Newton die
Quantennatur der Strahlung nachwies und
1900 die Quantenphysik begründete und die Periode der klassischen mechanischen
Physik beendete. Max Planck erhielt im Jahre 1919 den Nobelpreis für Physik. Dass
Kirchhoff und Wien solch ein kulturloses Schattendasein führen, liegt in der
unglückseligen Trennung zwischen den reinen Naturwissenschaften und den
Geisteswissenschaften, der Trennung zwischen Natur und Kultur. Doch auch
Naturwissenschaftler sind Kulturträger allerersten, ja höchsten Ranges und
exzellente Geisteswissenschaftler. Wer wie die Heimatvertriebenen das Erbe ostdeutscher
Kultur hegen und pflegen will, darf solche Kultur- und Geistesgrößen wie
Kirchhoff und Wien nicht geringer stellen als Agnes Miegel, Käthe Kollwitz oder
Lovis Corinth. Dass nachts nicht mehr alle Katzen grau sind, das verdanken wir dem
Nobelpreisträger Wilhelm Wien aus dem kleinen Gaffken bei Fischhausen im
Samland. Wenn ein Verbrecher nicht mehr im Schutz der Dunkelheit untertauchen
und dem infrarotbewehrten Polizeiauge nicht entgehen kann, dann verdanken wir
es Wilhelm Wien Oppenheim, den 1. Mai 2007 Dr. phil. Wolfgang Thüne,
Dipl.-Met. |
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