Die Geschichte von Amanda und Amandus ein Kurzkurs zur Wiederholung wichtiger lat. Grammatikkapitel
Die folgenden Erlebnisse von Amanda und Amandus können natürlich nur die Schulgrammatik ergänzen,
keinesfalls ersetzen. Die Textbeispiele des jeweiligen Lehrbuches muß man für den gewünschten
Erfolg in der Schule ebenfalls beherrschen. Besonders wichtig sind die Deponentien. Lernen! Lernen!
Lernen!
Wiederholung und Vertiefung zu Gerundium, Gerundivum, Partizipial- und
Infinitivkonstruktionen.
Bei Lateinbeginn in Jahrgangsstufe 7 gegen Ende der 9. als Vorbereitung auf die Nachprüfung für
die Versetzung in die 10. geeignet.
Hier geht's los:
Darf ich vorstellen: Die beiden
Net-Assistenten "Amanda" und "Amandus".
"Amanda" heißt nicht nur so. Sie ist auch, wie ihr Name schon sagt, eine
"liebenswerte" junge Dame. Sie ist einfach eine, "die man lieben muß", also
"eine zu Liebende". Weil dieser wunderschöne Name von "amare" kommt, also von
einem Verbum, anderseits aber dekliniert wird, also im Sinne der KNG-Kongruenz angepaßt werden muß,
wird diese Form als "Verbal-Adjektiv" bezeichnet. Dieses Verbal-Adjektiv heißt in unserer
Fachsprache "Gerundivum".
Wenn auch demnach dieses Gerundivum ein "passives Müssen"
bezeichnet, so wird "Amandus" sich sicherlich erst gar nicht lange bitten lassen. Er sieht
Amanda und stellt sofort fest: "Amanda amanda est." Amanda heißt nicht nur so. Sie ist es
auch, nämlich einfach "liebenswert". Dann kommt er ihr näher und schon funkt es kräftig.
Amandas geradezu umwerfende Wirkung auf sich drückt er im Dativ aus. "Amanda amanda mihi
amanda est." "Die liebenswerte Amanda ist mir eine zu Liebende."
Es mag Leute geben, die selbst im Fernsehen Schwierigkeiten mit dem Dativ
haben. Das unterscheidet sie von meinem Assistenten Amandus. Er sagt dasselbe auch ohne Dativ auf
Deutsch: "Diese liebenswürdige junge Dame muß ich einfach lieben."
Die Liebesgeschichte meiner beiden Assistenten endet weder einseitig noch
tragisch. Amandus heißt nicht nur so. Er ist ein durchaus liebenswerter junger Mann. Amanda sieht
ihn, hört seinen Namen und sagt begeistert: "Amandus amandus est." ("Den muß man
einfach mögen!") Als sie dann merkt, wie auch ihr Herzschlag sich beschleunigt, kommt sie zu
der keineswegs überraschenden Feststellung: "Amandus mihi amandus est." Die beiden kommen
offensichtlich aneinander nicht vorbei. Sie sind ineinander völlig verknallt. Liebe ist eine
Himmelsmacht, ein unausweichlicher Zwang, eben ein passives Müssen.
Diese Zwangsläufigkeit läßt sich abschließend aus zweierlei
Gesichtswinkeln ausdrücken: Amanda amanda Amando amando amanda est. Etiam Amandus amandus Amandae
amandae amandus est. Die alten römischen Götter haben
unwiderruflich entschieden. Die beiden liebenswerten jungen Leute sind für einander bestimmt. Wer
sich mit dieser Liebesgeschichte genauer befaßt, könnte sogar eine Klassenarbeit über das
Gerundivum schaffen.
Damit die Geschichte weitergeht, halten die Römer eine weitere wichtige
Verbform vorrätig, nämlich den substantivierten Infinitiv, also ein Verbalsubstantiv. Der
Fachausdruck lautet: Gerundium. Während jedoch das Gerundivum wie bonus, bona, bonum dekliniert
wird und im Sinne der KNG-Kongruenz alle Formen bildet, begnügt sich das Gerundium neben dem
Infinitiv, der als Nominativ dient, mit den restlichen Fällen im Singular. Beispiel:
laudandi/do/dum/do; das Loben, des Lobens ... Daß hier ein Plural sinnlos ist, versteht sich von
selbst. Auch dann, wenn ein Windhund mit vier Beinen läuft, wird daraus kein Plural. Sogar das
gleichzeitige Laufen von Tausenden seiner Art kommt mit dem Singular "das Laufen" aus.
Ars amandi (Gerundium) Amando discenda (Gerundivum) est. Die Kunst des
Liebens ist dem Amandus eine zu lernende. Besser: Amandus muß die Liebeskunst erlernen. Amandam
(Akk. Obj.) amando (Abl. Gerundii) artem amandi (Gen. Gerundii) discit. Indem er Amanda liebt, lernt
er die Liebeskunst. "Faciendo discere" heißt sein Motto ( learning by doing).
Etiam Amandae ars amandi discenda est. Amandum amando artem amandi etiam
Amanda discit. In dem Motto "faciendo discere" sind sich die beiden einig. Indem sie
Amandus liebt, lernt auch Amanda die Liebeskunst.
Durch die Begegnung mit der "Amanda amanda" wurde aus dem
bekanntlich ebenfalls "liebenswerten Amandus" ein "Amandus amans", ein
"liebender Amandus". "Amandus Amandam amans" ist also ein Amanda liebender
Amandus oder ein Amandus, der Amanda liebt, oder auch einfach ein in Amanda verliebter Amandus. Das
sogenannte Partizip Präsens aktiv drückt also eine aktive und mit einer übergeordneten Handlung
gleichzeitige Tätigkeit aus. Die Abkürzung lautet: "PPA". Amandus Amandam amans dormire
non potest. Der in Amanda verliebte Amandus kann nicht schlafen. Das "amans", also die
Verliebtheit des Amandus ist gleichzeitig mit seiner Schlaflosigkeit. Eine kausale Übersetzung
"Weil ..." ist hier auch richtig.
Da der Nominativ "amans" für alle drei Geschlechter gleich ist,
kann man die beiden Personen austauschen, ohne "amans" zu verändern. Amanda Amandum amans
kann daher auch nicht einschlafen.
"Amor Amandi amantis magnus est." zeigt die Verwendung des
Genitivs. Das Gegenstück läßt sich mit "Amandae amantis" bilden. Da
"amans" gedanklich und durch Formübereinstimmung entweder mit Amandus oder Amanda
verbunden ist, nennt man diese Verwendung "Verbundenes Partizip", also "Participium
coniunctum", kurz: PC.
Eine besonders wichtige Bedeutung kommt dem PPA im Ablativ zu und zwar
dann, wenn es ohne Verbindung mit einer Präposition im sogenannten "losgelösten
Ablativ", im Ablativus absolutus steht. Amando amante gaudet Amanda. Weil Amandus verliebt ist,
freut sich Amanda. Daß Amandus in Amanda und niemanden sonst verliebt ist, versteht sich von
selbst. Das Subjekt des Ablativus absolutus - hier: "Amando" - kommt im übergeordneten
Satz - Amanda gaudet - weder als Nominativ noch als Objektskasus vor. Sinn dieser
Ablativkonstruktion ist, einen Sachverhalt äußerst knapp darzustellen. Da diese Konstruktion im
Deutschen nicht existiert, muß der unterstellte Zusammenhang in der Übersetzung ausgedrückt
werden. Amanda freut sich, weil Amandus sie liebt.
Statt der Übersetzung durch einen Nebensatz gibt es im Deutschen noch eine
andere Möglichkeit. Man macht aus dem Partizip "amante" ein Substantiv und übersetzt
dann: Amanda freut sich über die Liebe des Amandus.
Die sicherste Übersetzungsmethode besteht darin, daß man einen erkannten
Ablativus absolutus zunächst als deutschen Hauptsatz übersetzt: "Amandus liebt."
Dasselbe macht man mit dem übergeordneten Satz: "Amanda freut sich." Den gemeinten
Zusammenhang findet man durch hier natürlich recht einfaches Nachdenken. Man kennt ja die bisherige
Geschichte. Also ergänzt man: "Deshalb freut sich Amanda."
Damit ist allerdings der erste Teil des Satzes noch reichlich unbestimmt.
Amandus liebt schließlich nicht das Lieblingskaninchen von Amanda. Den Umfang der notwendigen
Umstellungen und Ergänzungen zeigt die folgende Übersetzung: "Amanda freut sich, weil Amandus
sie liebt." Es wurde sogar die Reihenfolge der einzelnen Aussagen verändert. Darin besteht die
eigentliche Übersetzungsleistung. Auch noch korrekt übersetzt ist: "Amanda freut sich über
Amandus' Liebe."
Zur Übung kann man jetzt die handelnden Personen vertauschen: Amanda
amante Amandus gaudet. Wenn Amanda verliebt ist, natürlich in Amandus, dann freut sich derselbe.
Durch "Amando amante" wird logischerweise Amanda zu einer
"Amanda amata", also zu einer "geliebten Amanda". Mit der Form "amatus, -a,
-um" haben wir das "Partizip Perfekt Passiv" (PPP). Der Genauigkeit halber sei hier
nochmals vermerkt, daß die Bezeichnungen PPA und PPP eigentlich kein Tempus, keine Zeitstufe
bezeichnen, sondern nur ein Zeitenverhältnis. Ein "Amandus amans" (PPA) kann einen
liebenden oder verliebten Amandus in Vergangenheit, Gegenwart oder auch Zukunft bezeichnen. Über
"Amando amante" wird Amanda jederzeit höchsterfreut sein. Amandas Freude ist immer
gleichzeitig mit der Liebe des Amandus. Dagegen kann eine "Amanda amata" 90 Jahre alt
sein, wenn die Liebesgeschichte 70 Jahre her ist. Sie schwelgt dann in alten Erinnerungen. Das PPP
hat also immer eine vorzeitige Bedeutung. Man freut sich erst, nachdem man im Lotto gewonnen hat.
Anderseits kann jedoch ein vorzeitiger Vorgang eine Wirkung entfalten, die bis zu dem Zeitpunkt oder
bis in die gesamte Zeit der übergeordneten Handlung andauert. Das hängt davon ab, wie günstig man
seinen Lottogewinn anlegt. Amandus, amans und amatus, stürzte in eine Gletscherspalte. Amanda,
ebenfalls amans und amata, blieb ledig in Trauer um ihren Amandus. Als Jahrzehnte später der
Gletscher ihren jugendschönen "Amandum amatum" frei gab, freute sie sich. Sie
liebte ihn immer noch.
Besonders zu beachten ist hierzu noch folgendes: Die Verbengruppe der
"Deponentien" bildet das PPP mit aktiver Bedeutung. Eine "Amanda mortua" wäre
dann eine tragische Folge von einem "Amando non amante". Amanda ging zugrunde wegen
unerwiderter Liebe. Damit man sich hierbei nicht vertut, muß man die sogenannten Deponentien
einfach vokabelmäßig auswendig gelernt haben. Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob eine
"Amanda oblita" ihre Verabredung mit Amandus vergessen hat, oder von Amandus vergessen
worden ist. Beides kommt im Leben vor. Hier hilft nicht Raten, sondern nur Wissen, also gründlich
gelernt haben.
Wiederholen wir kurz: Dem "Amando amando amanti" entspricht auf
der Gegenseite die "Amanda amanda amata", dem liebenswerten liebenden/verliebten Amandus
die liebenswerte geliebte Amanda. Beispiele: Hoc facinus tibi laudandum est. Diese Tat ist dir eine
zu lobende. / Diese Tat mußt du loben. (Gerundivum) Recte facere satis est ad bene beateque
vivendum. Richtig handeln ist genug / genügt, um gut und glücklich zu leben. (Ad vivendum -
typischer Gebrauch desGerundium im Akkusativ)
Es gibt auch Sinnzusammenhänge, in denen sowohl Gerundium als auch
Gerundivum ohne Sinnunterschied benutzt werden. Amandus will Landwirt werden. Deshalb muß er
"studium agrum colendi" (Gerundium) oder "studium agri colendi" (Gerundivum)
besitzen. In der ersten Version ist "agrum" als Objekt zu "colendi" gedacht, im
zweiten gilt "colendi" als Attribut zu "agri". Er muß "Eifer"
besitzen, also "eifrig" seinen Acker bestellen. Dennoch darf Amandus in der Frühstückspause
"Amandam videndi / Amandae videndae cupidus" sein, nicht nur, weil sie ihm das Frühstück
aufs Feld bringt. - Man beachte: studium agrum colendi ist als Gerundium aktivisch zu verstehen als
Eifer, der sich darauf richtet, den Acker aktiv zu bestellen. Beim gerundivischen Gebrauch dagegen,
studium agri colendi, ist der Eifer gemeint, der sich auf den "zu bestellenden
Acker", also auf den Acker, der bestellt werden muß, richtet. Wenn Amanda verreist ist, hofft
sie, daß Amandus etwas von der "ars scribendi epistulam / scribendae epistulae" versteht.
Sie ist nämlich "cupidissima legendi epistulam / legendae epistulae Amandi amati."
Sie hat Glück. Amandus artis epistulae scribendae / epistulam
scribendi peritissimus est. Anscheinend hat er noch schnell bei der VHS einen Literaturkurs belegt.
"in legendis poetis / in legendo poetas" kommen ihm die besten Ideen für seine
Liebesbriefe.
Bisher haben Amanda und Amandus mit Gerundium, Gerundivum, PPA und PPP ihre
Liebesgeschichte erzählt. Auch in der deutschen Sprache kann man jedoch, wenn die "Verhältnisse"
noch komplizierter werden, mit Infinitivkonstruktionen weiterdichten. Was sagen die beiden einander?
Was sehen oder hören sie? Wir haben gerade gelesen, daß Amandus studieren muß und Amanda
verreist ist. Sie macht also Urlaub, allerdings nicht "von" Amandus. Der schreibt ihr nämlich
Liebesbriefe und versucht dabei sogar den Dichter Catull zu übertreffen. "Cupio te videre.
steht in seinem ersten Brief. "Ich sehne mich danach, Dich zu sehen." Hier stimmen
deutsche und lateinische Grammatik noch wörtlich überein. "te" ist Objekt zu
"videre".
Marcus, amicus Amandi, formuliert etwas anders: "Puto Amandum Amandam
videre cupere." (Ich glaube, Amandus sehnt sich danach, Amanda zu sehen.) Das, was Marcus
glaubt, formuliert er im sogenannten AcI, mit dem Akkusativ "Amandum" als Subjekt
(daher "Subjektsakkusativ") und dem Infinitiv "cupere" als Prädikat (Prädikatsinfinitiv).
Selbstverständlich ist "Amandam" das ersehnte Objekt und daher als
"Objektsakkusativ" dargestellt. Dementsprechend glauben wir: Putamus etiam Amandam Amandum
videre cupere. Wir glauben, auch Amanda möchte Amandus sehen. "Amandam" ist hier
"Subjektsakkusativ" geworden, während "Amandum" zum
"Objektsakkusativ" wurde.
Das nächste Wochenende kommt bestimmt. Der Landwirtschaftspraktikant Amandus
bekommt von seinem Chef Kutsche und Pferd geliehen und weiß (scit) equum celerrime currere
posse, daß das Pferd sehr schnell laufen kann. Weil das Pferd selber laufen muß, gilt
"equum" als Subjekt zu "currere posse", also als "Subjektsakkusativ".
Dementsprechend ist daher "currere" als "Prädikatsinfinitiv" zu verstehen.
Amanda hofft (sperat) Amandum mox adventurum esse (daß Amandus bald kommen wird). Mit der Endung
"-urum/-am/-um esse" verfügen die Römer über einen Infinitiv Futur mit aktiver
Bedeutung. Wie wichtig dieser Infinitiv ist, weiß auch Amandus. "Etiam Amandus sperat se mox
Amandam visurum esse." (..., daß er Amanda bald sehen wird.). Während das Pferd läuft und läuft,
erinnert sich Amandus und sagt zu sich selbst: "Gaudeo me Amandam cognovisse." Er freut
sich, Amanda kennengelernt zu haben. Die Freude ist gegenwärtig. "cognovisse" ist damit
"vorzeitig". Die drei Infinitive (Präsens, Perfekt und Futur) bezeichnen demnach kein
eigentliches Tempus, keine Zeitstufe, sondern nur ein Zeitenverhältnis. "cognovisse" ist
"vorzeitig", "visurum esse" nachzeitig und "currere posse"
"gleichzeitig". Ein Amandus, der hofft, Amanda kennengelernt zu haben, könnte auch Carola
kennengelernt haben. Damals müßte es dann allerdings reichlich dunkel gewesen sein. Ein solcher
Verlauf der Geschichte wäre recht seltsam und unglaubwürdig. Deshalb werden Ausdrücke des
"Hoffens", "Drohens" und "Schwörens" im Lateinischen mit dem
Infinitiv des Futurs verbunden, wenn sich Hoffnung, Drohung oder Eid auf Zukünftiges beziehen.
Amandus war immer für klare Verhältnisse. Scit Amandam Amandam fuisse neque Carolam. Tatsächlich
hatte er damals gar keine Wahl: Venit (er kam), vidit (er sah), victus est (und wurde besiegt).
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