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Burghard Schmanck
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Eucharistie, Abendmahl und Ökumene

Eine kritische Überprüfung der traditionellen
Übersetzung und Exegese


Unterschiedliche Auffassungen über Wesen und Inhalt des Auftrags Jesu Christi, den er am Vorabend seines Kreuzestodes seinen Schülern erteilte, trennen immer noch die verschiedenen christlichen Gemeinschaften weltweit. Alle bisherigen Bemühungen führten zu keiner Lösung. Eine gemeinsame Eucharistiefeier zwischen beispielsweise deutschen Christen verschiedener Konfession ist kirchenrechtlich noch immer nicht möglich.

Christus selbst hat aber gesagt: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." (Mt 18,20) Diese Voraussetzung ist heutzutage ohne Schwierigkeiten herstellbar und wird in zahlreichen ökumenischen Kontakten auf allen kirchlichen Ebenen praktiziert. Wenn man diese Worte Christi wirklich ernst nimmt, dann dürfte der Weg zu einer gemeinsamen Eucharistiefeier nicht mehr gar so weit sein. Man kann zwar Geschichte nicht einfach zurückdrehen, als wäre sie nicht existent. Wenn aber diese Zwei oder Drei ihre unterschiedlichen Wege einmal im Geiste zurückverfolgen, dann geraten sie irgendwann an einen gemeinsamen Kreuzungspunkt, an dem unterschiedliches Verständnis der Eucharistiefeier einfach nicht mehr vorhanden ist, wenn man nur genügend genau hinschaut.

Sucht man nun nach diesem Kreuzungspunkt, so gelangt man sehr schnell zu der Erkenntnis, daß alles Suchen schließlich zu den biblischen Berichten über Jesu letztes Abendmahl führt. Problematisch ist allerdings der Umstand, daß uns die Berichte über dieses Ereignis nur in einer griechischen Übersetzung vorliegen. Bei reinen Hergangs- und Situationsbeschreibungen mag das relativ unproblematisch sein. Wenn es sich aber um den Inhalt und Sinn der aramäisch gesprochenen Worte Jesu handelt, können wir nicht in jedem Fall sicher sein, daß die griechische Übersetzung genau das wiedergibt, was Jesus gesagt und gemeint hat. Hier kann eine Analyse der Situation, in welcher diese Worte gesprochen wurden, hilfreich sein.

Was also wissen wir wirklich über den Hergang beim letzten Abendmahl Jesu?

1. Der Zeitpunkt des letzten Abendmahls Jesu ist hinsichtlich der Tageszeit unstrittig. Für ein mögliches Verstehen der Abendmahlsfeier Christi mit seinen Schülern ist nur die Aussage wichtig, daß die Feier am Vorabend seines Leidens und Kreuzestodes stattfand. Alle anderen strittigen Terminierungen und Bezüge können als in diesem Zusammenhang irrelevant außen vor bleiben.

2. Die Materialien der Eucharistiefeier sind hingegen eindeutig bestimmt. Es handelt sich um Brot und Wein. Über die Art des damals verwendeten Brotes erfahren wir, daß es sich um ungesäuertes Brot gehandelt haben muß. In den Evangelien wird ausdrücklich „der erste Tag der ungesäuerten Brote“ genannt.
Über den Wein heißt es zunächst nur, daß Jesus ein Trinkgefäß nahm. Was darin enthalten war, erfahren wir indirekt, indem Jesus sagt, daß er von diesem Ertrag des Weinstocks nicht mehr trinken werde, bis … Also war in dem Trinkgefäß Wein enthalten, wie er am Abend der Passahfeier getrunken wurde, und zwar an 4-5 rituell genau vorgeschriebenen Punkten. Über die Art und Beschaffenheit des Trinkgefäßes sagen die Evangelien nichts.

3. Auch das, was Jesus mit dem Brot und dem Becher tat, ist unstrittig: Er sprach den Lobpreis, nahm das Brot, brach es und reichte es seinen Schülern. Ebenso nahm er den Becher, sagte Dank und reichte ihn seinen Schülern. Das alles geschah, „während sie aßen“. Welchen der fünf rituellen Becher des Passahmahles Jesus hierzu genommen hat, ist nicht mehr feststellbar. Denkbar ist auch, daß Jesus, „während sie aßen“, einen nicht rituell vorgeschriebenen Becher gereicht hat. Ein rituelles Brotbrechen ist nach dem zweiten Becher und noch vor dem Essen des Passahlammes vorgesehen. Letzte Klarheit über diese Zusammenhänge ist wohl nicht möglich und für ein denkbares ökumenisches Verständnis der Eucharistiefeier auch nicht erforderlich. Die Unterschiedlichkeit der Ausdrücke für die Worte Jesu zum Brot, Lobpreis, und zum Becher mit dem Wein, Danksagung, εὐλογήσας / εὐχαριστήσας) bei Matthäus und Markus ist hier nicht relevant. Bei Lukas und Paulus steht nur εὐχαριστήσας – er sagte Dank.

4. Der eigentliche Trennpunkt zwischen den christlichen Konfessionen liegt in der unterschiedlichen Deutung der Worte Jesu Christi, mit denen er Brot und Becher seinen Schülern reichte. Die gängige Übersetzung und Deutung “Dieses (Brot) ist mein Leib“ erscheint nicht plausibel. Jesus lag mit seinen Schülern nämlich leibhaftig zu Tische. Deshalb ist obiges Verständnis derart befremdlich, daß mindestens eine kurze Erläuterung erforderlich gewesen wäre. Eine solche ist aber nicht überliefert. Der grammatische Umstand hingegen, daß ártos (ἄρτος) = Brot Maskulinum ist, touto ( τοῦτο) = dieses aber Neutrum, legt eine andere Übersetzung nahe: „Dieses (der gesamte Vorgang) bedeutet(1) …“ Jesus fügt also dem, was hier geschieht, eine Deutung bei, die beim Evangelisten Lukas etwas ausführlicher und damit auch verständlicher ausfällt: „Dies bedeutet meinen Leib, der für euch hingegeben worden ist.“ Jesu Deutung bezieht sich also nicht auf seinen damaligen, noch nicht ausgelieferten und noch nicht getöteten Leib, sondern auf den gekreuzigten und am Kreuze gestorbenen. Mit den von Lukas in diesem Zusammenhang berichteten Worten „Tut dies (ebenfalls τοῦτο!) zu meinem Gedächtnis“ wird dieses Mahl unmißverständlich als Gedächtnis- oder Erinnerungsmahl an Christi Opfertod beschrieben und umfaßt nicht den Leib des noch lebendigen und auch nicht den des auferstandenen Christus. Das zweimalige τοῦτο – dies bezeichnet also in beiden Fällen dasselbe, nämlich eine Handlung, welche im Brechen und Essen des Brotes besteht.

Ein Vergleich des griechischen Textes mit dem überlieferten lateinischen zeigt dieselben Auffälligkeiten. Das Brot, panis, ist Maskulinum. Dennoch heißt es analog zum griechischen Text: „Hoc est corpus meum“ und nicht etwa Hic … Die dann auch hier naheliegende Übersetzung wäre „bedeutet“. Sie ist ebenfalls lexikalisch belegt.(2)

Zu erwähnen bleibt in diesem Zusammenhang noch der Umstand, daß im Aramäische ebenso wie im Hebräischen im Präsens keine Kopula gleich dem „ist“ bzw. ἐστίν existiert. Ebenso fehlt ein Demonstrativpronomen im Neutrum für „dies“ oder „dieses“ (τοῦτο). Wenn Christus auf Aramäisch gesagt hätte „Dies Brot - mein Leib“, so hätte die griechische Übersetzung lauten müssen: ὁ / οὗτος ὁ ἄρτος ἐστίν τὸ σῶμα μου ‑ „Das / Dieses Brot ist mein Leib“. Das ist aber nicht der Fall.

Das hebräische Wort für Brot, lechém (לֶחֶם), ist ebenfalls Maskulinum. Dasselbe gilt für das aramäische Äquivalent. Somit gibt es auch von daher keinen plausiblen Grund zu der Annahme, mit der Neutrumsform touto (τοῦτο) werde das maskuline Wort ártos (ἄρτος) bezeichnet. Wenn der aramäische Wortlaut dies auf irgend eine Weise geboten hätte, dann müßte die griechische Übersetzung immer noch ὁ bzw. οὗτος ὁ ἄρτος lauten und nicht einfach τοῦτο.

5. Ebenso sinnvoll erscheint die Übersetzung von estín (ἐστίν) mit „bedeutet“ beim zweiten Teil der Eucharistie. Christus nimmt ein Trinkgefäß, das dem Brauche nach Wein mit etwas Wasser enthält, spricht den Lobpreis und reicht ihn seinen Schülern mit der Aufforderung, daraus zu trinken, und zwar ausdrücklich „alle“. Analog zum ersten Teil der Eucharistie muß dann die Übersetzung der Lukas-Version lauten: „Dieser Becher bedeutet den Neuen Bund in meinem Blute, das für euch vergossen worden ist.“ Die Varianten bei Matthäus und Markus „für viele zur Vergebung der Sünden“ bzw. nur „für viele“ ändern nichts an der Grundaussage. Auch in der etwas verkürzten Passage bei Matthäus und Markus kann das touto (τοῦτο) = dieses grammatisch nur auf den Becher bezogen werden, zumal poterion (ποτήριον) ebenfalls Neutrum ist. Die verkürzte Aussage lautet also „Dieser (Becher) bedeutet mein für … vergossenes Bundesblut.“

Lukas überliefert, den mutmaßlichen aramäischen Wortlaut nachahmend: „Dieser Becher – der Neue Bund in meinem Blute, das für euch vergossen worden ist.“ Über Jesu Blut wird also nur ausgesagt, daß es vergossen wurde. Es wird daher folgerichtig nicht auf den Becherinhalt bezogen, sondern ausdrücklich auf den Abschluß des Neuen Bundes, der durch den Becher symbolisiert wird.

Hier folgt die lateinische Übersetzung ebenfalls dem griechischen Text, allerdings mit geringfügigen Abweichungen: Hic est calix novum testamentum in sanguine meo, qui pro vobis fundetur. – Dieser Becher ist der Neue Bund / bedeutet den Neuen Bund in meinem Blute, das für euch vergossen werden wird. Der lateinische Text bietet also zusätzlich das „est“ und verlegt durch die Futurform „fundetur“ das Vergießen situationsgemäß in die Zukunft. Daß der Becher in diesem Zusammenhang nicht selbst der Bund ist, sondern denselben nur repräsentiert, steht wohl außer Frage.

6. Im 1. Korintherbrief 11,23f betont Paulus den Gedächtnischarakter der Eucharistiefeier, indem er nicht nur dem Brotbrechen die Aufforderung folgen läßt „Dies tut zu meinem Gedächtnis“, sondern Christi Aufforderung noch vervollständigt durch den Einschub: „jedesmal, wenn ihr trinkt“. Bei Paulus spricht Christus, wie auch bei Lukas, vom Becher, welcher den „Neuen Bund in seinem Blute“ bedeute.

7. Im 1. Korintherbrief 10,16f bezeichnet Paulus den „Becher des Lobpreises“ als „Anteil am / Gemeinschaft mit dem / Blut Christi“ und das „Brot, das wir brechen“, als „Anteil am / Gemeinschaft mit dem / Leib Christi“. Wenn hier Brot und Becher als Anteil an … bzw. Gemeinschaft mit … bezeichnet werden, dann wird damit nicht ausgesagt, sie seien das, woran sie Anteil bzw. womit sie Gemeinschaft begründen.

8. Der Evangelist Johannes berichtet über die Abendmahlsfeier gar nichts, hat jedoch eine Passage im 6. Kapitel, in welcher tragende Begriffe der Abendmahlsberichte auftauchen. Bei genauerem Betrachten geht es aber in diesem Text des Johannes um einen gänzlich anderen Sachverhalt und nicht um die Einrichtung eines Gedächtnismahles. Nach Johannes bezeichnet sich Jesus hier als „das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist“, im Gegensatz zu dem Brot bei der Speisung der 5000 und dem Brot, das Israel in der Wüste aß. Der überlieferte Text des Evangelisten Johannes (6,22-69) erscheint auf der ersten Blick recht verwirrend. Wenn man aber einmal die tragenden Begriffe herauslöst und zusammenstellt, tritt der Sinn deutlich zutage.

a. Die „Stoffe“:
  • … die Speise, die bleibt, für das ewige Leben, die der Menschensohn geben wird (27)
  • Mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel (32)
  • Ich bin das Brot des Lebens. (35b)
  • Ich bin das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. (41)
  • Ich bin das Brot des Lebens. (48)
  • Ich bin das Brot, das lebendige, das vom Himmel herabgekommen ist. (51a)
  • Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt. (51b)
  • Denn mein Fleisch ist eine wirkliche Speise und mein Blut ist ein wirklicher Trank. (55)
b. „Essen“ und „Trinken“
  • Wenn jemand davon (von dem Brot) ißt, … (50b)
  • Wer von diesem Brot ißt … (51b)
  • Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? (52b)
  • Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht eßt
  • und sein Blut nicht trinkt … (53b)
  • Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt … (56)
  • … jeder, der mich ißt … (57b)
  • Wer aber dieses Brot ißt … (58)
c. Wirkungen des „Essens“ und „Trinkens“
  • … gibt der Welt das Leben. (33c)
  • … nie mehr hungern (35b)
  • … nie mehr dürsten (35c)
  • … das ewige Leben haben (40b)
  • … und daß ich sie auferwecke am Letzten Tag. (40c)
  • … und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag. (45)
  • … hat das ewige Leben. (47b)
  • … wird er nicht sterben. (50)
  • … wird leben in Ewigkeit (51b)
  • Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, (das ich geben werde) für das Leben der Welt. (51c)
  • … hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag. (54b)>
  • … bleibt in mir und ich in ihm. (56b)
  • … wird jeder, der mich ißt, durch mich leben. (57b)
  • … wird leben in Ewigkeit. (58b)
d. Deutung der Worte „Essen“ und „Trinken“
  • … daß ihr an den glaubt, den er gesandt hat. (29b)
  • … damit wir dir glauben (30b)
  • … wer zu mir kommt (35b)
  • … wer an mich glaubt (35c)
  • … und doch glaubt ihr nicht. (36b)
  • … wer zu mir kommt (38b)
  • … und an ihn glauben (40b)
  • … niemand kann zu mir kommen (44)
  • … und alle werden Schüler Gottes sein. (45b)
  • Jeder, der auf den Vater hört
  • und seine Lehre annimmt,
  • wird zu mir kommen. (45b)
  • Wer glaubt hat das ewige Leben. (47b)
  • Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. (64)
  • … welche es waren, die nicht glaubten (64b)
  • Wir sind zum Glauben gekommen (69)
9. Der Unterschied zwischen der Einsetzung der Abendmahlsfeier und dem Text des Johannes ist deutlich zu erkennen. Das erstere, die Abendmahlsfeier, ist ein besonderes Totengedenken, während es bei den Worten Jesu am See und in der Synagoge von Kafarnaum darum geht, den Glauben an Jesus, und zwar als an denjenigen, der vom Himmel kommt, von Gott gesandt ist und Gott in einer nur für ihn gültigen Weise als seinen Vater bezeichnet, einzufordern (40). Da bei Johannes das Essen bzw. Trinken von Jesu Fleisch und Blut textlich in das Bild des Brotes eingerahmt ist, haben Fleisch und Blut Jesu hier Anteil an dem bildhaften Charakter des Brotes, erfahren aber durch Jesus eine besondere Deutung, indem er von seinem Fleisch sagt, er werde es hingeben für das Leben der Welt. Damit wird sein Fleisch als Opferfleisch bezeichnet, wobei der getrennte „Genuß“ seines Fleisches und Blutes auf seinen Tod hinweist.

Der Gedanke an seinen Tod bzw. seine Tötung war weder ihm selbst noch seinen Zuhörern fremd: „Warum sucht ihr mich zu töten?“ (7,19) „Ist das nicht der, den sie töten wollen?“ (7,25) Die erste Andeutung seines gewaltsamen Todes macht Jesus bereits, als er vom Niederreißen des Tempels seines Leibes spricht (2,19-21), und danach an zahlreichen weiteren Stellen.

Um den Glauben geht es bereits im Prolog des Johannesevangeliums. „Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt.“ (1,5) Wenig später werden Kreuz und Glaube miteinander verknüpft: „Und wie Moses die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muß der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat.“ (3,14)

Der Glaube an Jesus Christus und sein Opfertod werden an derart zahlreichen Stellen des Johannesevangeliums thematisiert, daß sich sehr wohl ein durchgehend gleichbleibender Sinn feststellen läßt, der sich von dem der Einsetzung der Eucharistiefeier deutlich unterscheidet.

Ein weiterer Gesichtspunkt soll hier nicht unerwähnt bleiben: Für das deutsche Wort „Fleisch“ gibt es sowohl im Griechischen als auch im Hebräischen zwei Äquivalente mit tendenziell unterschiedlicher Bedeutung. Es handelt sich hier um folgende Vokabeln: σάρξ (sarx) und κρέας (kréas) und deren hebräische bzw. aramäische Äquivalente: bassár (בָּשָׂר) und scheér (שְׁאֵר). Kρέας (kréas) meint überwiegend das geschlachtete und damit zum menschlichen Genuß bestimmte Fleisch. Σάρξ (sarx) hingegen bezeichnet vorwiegend den menschlichen Leib bis hin zum personalen Individuum. Indem der Evangelist Johannes im 6. Kapitel die Vokabel σάρξ (sarx) verwendet, bestätigt er die Abfolge „Brot, Fleisch, Fleisch und Blut, Brot“ mit der Schlußfolgerung „Wer mich ißt …“ (6,57b) in diesem Sinn. So heißt es entsprechend auch im Prolog V. 14: „Und das Wort ist Mensch (σάρξ) geworden und hat unter uns gewohnt.“

„Christus essen“ bedeutet also „an ihn glauben“ mit der Folge, daß Christus in demjenigen verweilt, der an ihn glaubt, aber auch der Glaubende in Christus, indem er an ihn glaubt. Dieses Bild vom wechselseitigen ineinander Verweilen paßt nur zum Glauben und übersteigt den einseitigen Vorgang des natürlichen Essens. (Joh 6,56)

10. Eucharistische Gemeinschaft ‑ interkonfessionell – ist möglich und sinnvoll, wenn man sich auf die Grundaussagen beider Textüberlieferungen besinnt und beschränkt. „Im Namen Jesu Christi sich versammeln“ verlangt nach Johannes, daß man an Jesus Christus glaubt als an denjenigen, der vom Himmel kommt, von Gott gesandt ist und Gott in einer nur für ihn gültigen Weise als seinen Vater bezeichnet. Simon Petrus drückt das so aus: „Worte des ewigen Lebens hast du und wir glauben und haben erkannt, daß du der Gesalbte, der Sohn des lebendigen Gottes / der Heilige Gottes bist.“ (Joh 6,68f; Mt 16,16; Mk 8,29; Lk 9,20)

Die Eucharistie- bzw. Abendmahlsfeier läßt sich vom Namen her ‑ Eucharistie = Danksagung ‑ in Verbindung mit Christi Auftrag als gemeinschaftliches dankendes Gedenken seines Todes verstehen, wobei interpretierende Weiterungen, welche nicht ausdrücklich von Christus gefordert werden, unberücksichtigt bleiben können. Das Christentum ist rund 800 Jahre ohne die Begriffe „Transsubstantiation“ bzw. „Wesensverwandlung“ ausgekommen.

Zu bedenken ist auch der Umstand, daß im allgemein üblichen Abendmahlsritus der Kirchen nur der von den Evangelisten überlieferte Wortlaut zum Abendmahlsgeschehen vorgelesen wird, in welchem kein einziges Wort auf eine aktuell geschehende oder damals geschehene Wesensverwandlung von Brot und Wein hinweist. Es gibt auch keinen Hinweis darauf, daß der jeweils liturgisch amtierende Priester / Gemeindeleiter ursächlich für eine Wesensver­wandlung tätig wird. Er spricht keinen einzigen in dieser Richtung deutbaren Satz.

11. Denkbare Formen einer konfessionsübergreifenden Eucharistiefeier müssen nur den Wesenskern dessen wiedergeben, was Christus geboten hat, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Da Christus für die Durchführung seiner Aufträge und Weitergabe seiner Lehre ausdrücklich eine „Gemeinde“ (ἐκκλησία) gegründet hat, wie wir insbesondere aus den Briefen des Apostels Paulus als gängige Praxis entnehmen können, liegt die letzte Verantwortung für Form und Ort der Eucharistiefeier bei dieser bzw. deren Leitungsgremium.

12. Sinn dieser Studie besteht nicht darin, jemandem eine bestimmte Auffassung aufzunötigen. Es geht hier nur um den Versuch, eine denkbare ökumenische Grundlage zu beschreiben, auf welcher eine gemeinsame Eucharistiefeier möglich erscheint, wenn die daran Beteiligten darauf verzichten, vom jeweils anderen ein spezielles Bekenntnis zu verlangen, welches inhaltlich über das hinausgeht, was Christus gesagt und geboten hat. Christi Worten "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." muß nichts hinzugefügt werden. Er ist da.



(1) Griechisch=Deutsches Handwörterbuch von Dr. W. Pape, 1 Band, 2. Auflage 1857, S. 632, 1. Sp., Z. 23 „Bes. Τοῦτ‘ ἔστιν, das heißt, bedeutet“:

(2) Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch von Karl Ernst Georges, Nachdruck der 8. Auflage 2003; Sp. 2921, ab siebtletzter Z.:“ id est, hoc est, das ist, das heißt,zuweilen auch steigernd: was so viel ist als, das heißt also, also

Im Juli 2012

Burghard Schmanck