Ausgabe 11/07
Diese Woche
Erdbeere des Unheils
Henryk M. Broder
Hohepriester, Häretiker und Sündenböcke: Die Klimadebatte ist eine
Art Feldgottesdienst der Ungläubigen, die sich im Glauben an das Ende der Welt
zusammengefunden haben.
Wir leben in einer säkularen Gesellschaft. Die Religion ist Privatsache. Jedem
bleibt es unbenommen, ob er an Jesus, Mohammed, Moses, Buddha oder Persil
glaubt. Den grossen Glaubensgemeinschaften in der Bundesrepublik laufen die Gläubigen
davon, Gotteshäuser werden zu Restaurants, Shopping-Arkaden und Discos
umgebaut. Man mag das gut oder schlecht finden, es bedeutet aber nicht, dass die
Menschen nicht mehr glauben würden.
Denn mehr als je gilt der Satz von Gilbert Keith Chesterton, dem Schöpfer von
Pater Brown: «Wenn Menschen aufhören, an Gott zu glauben, dann glauben sie
nicht an nichts, sondern an alles Mögliche. Das ist die Chance der Propheten
– und sie kommen in Scharen.»
Wie recht Chesterton, ein praktizierender Katholik, mit diesem Spruch hatte,
wird an der aktuellen Diskussion in Deutschland klar. Es geht um den
Klimawechsel, um die globale Erderwärmung und den nahenden Untergang. Die
Bild-Zeitung, wie üblich ganz nah am Puls der Zeit, fragt: «Sollen wir
Deutsche die Erde allein retten?» Nicht nur eine Volksgemeinschaft wird hier
konstituiert, es wird eine Untergangsstimmung erzeugt, die von der Hysterie bis
zur Religiosität alle Phasen der kollektiven Erregung durchläuft. Das Ganze
ist keine Diskussion mehr, es ist eine Art Feldgottesdienst der Ungläubigen,
die sich im Glauben an das Ende der Welt zusammengefunden haben.
Es ist noch nicht lange her, da die berufsmässigen Verkünder der Apokalypse
uns den Anbruch einer neuen Eiszeit androhten, einer Kältewelle, die alles
Leben auf der Erde vernichten sollte; jetzt drohen sie uns mit dem Gegenteil,
einer globalen Erwärmung, die schon kurzfristig dazu führen soll, dass der
Meeresspiegel steigt und Palmen entlang der Elbe wachsen. Nun kann sich in
dreissig, vierzig Jahren ändern, was lange unvorstellbar schien. Die Mauer fällt,
das Internet wird erfunden, die DM verschwindet, und die Swissair macht Pleite.
Nur dass das Klima in einer so kurzen Zeit von einem Extrem ins andere kippt,
ist und bleibt ausgeschlossen, weil dreissig bis vierzig Jahre weniger als ein
Wimpernschlag in der Geschichte des Planeten sind. Börsenkurse können von
heute auf morgen abstürzen, das Klima kann es nicht.
Die wissenschaftlichen Belege, die für die bevorstehende globale Katastrophe
angeboten werden, sind so stichhaltig wie jede Statistik, die mit
Durchschnittswerten arbeitet. Im Durchschnitt hat jeder Deutsche, je nach
Bundesland, zwischen neun und viertausend Euro auf der hohen Kante, die
Sozialhilfeempfänger eingeschlossen. Genauso verhält es sich mit der
Durchschnittstemperatur. Wenn die Winterwerte in Sibirien von minus 40 auf minus
30 Grad steigen, dann holen sich die Sibiriaken noch immer Frostbeulen, wenn sie
barfuss herumlaufen, aber die globale Durchschnittstemperatur nimmt bedrohlich
zu.
So ähnlich ist es auch mit dem CO2-Ausstoss, der als eine der
Ursachen der globalen Erwärmung gilt. Man weiss, dass auch auf dem Mars die
Eiskappen dünner werden, obwohl der CO2-Ausstoss auf unserem
Nachbarplaneten eher gering ist, weil die Marsianer umweltbewusste Wesen sind,
die keine schweren Geländewagen fahren, sondern lieber mit solar angetriebenen
Dreirädern unterwegs sind.
Es ist alles eine Glaubenssache. So wie man an die klassenlose Gesellschaft, ein
Leben nach dem Tode und an ausserterrestrische Intelligenzen glauben kann, so
kann man auch daran glauben, dass die globale Erwärmung zum Weltuntergang führt
und dass der Mensch als solcher daran schuld ist. Es ist nicht das erste Mal,
dass uns die Apokalypse versprochen wird, aber es ist das erste Mal, dass die
Apokalyptiker sich als Empiriker präsentieren, obwohl sie nur mit Annahmen und
Spekulationen hantieren, die sie miteinander verknüpfen. Nur wenige halten
dagegen, der Klimaforscher Hans von Storch etwa, der es bedauerlich findet, dass
sich «viele Wissenschaftler zu sehr als Pastoren verstehen, die den Menschen
Moralpredigten halten».
Tatsächlich trägt die Aufwallung alle Züge einer Erweckungsbewegung. Es gibt
die grosse Schar der Gläubigen und eine kleine Gruppe der Häretiker, es gibt
die Hohepriester der Bewegung, wie den amerikanischen Ex-Vizepräsidenten Al
Gore, die Wasser predigen und selber Wein trinken, während sie das Unheil verkünden.
Es gibt Ablasshändler, die ihren Mitmenschen die Möglichkeit geben, mit einer
Spende für den ökologischen Flurschaden zu büssen, den sie als Vielflieger
und Fernreisende verursachen. Und es gibt Sündenböcke, die angeprangert werden
– Verbraucher, die Spargel aus Südamerika und Erdbeeren aus Spanien kaufen,
obwohl sie wissen oder wissen müssten, wie energieaufwendig Anbau und Transport
sind.
«Wenn Menschen aufhören, an Gott zu glauben, dann glauben sie nicht an nichts,
sondern an alles Mögliche.» Auch an das Ende der Welt durch masslosen Konsum
von Erdbeeren zur Winterzeit.
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